Fragen und Antworten

Häufige Fragen an SOZIAHR

Hier beantworten wir häufig gestellte Fragen zu SOZIAHR, unseren Zielen, der anstehenden Umfrage und mehr.

Das Forschungsprojekt SOZIAHR

Wir möchten eine Bilanz zum Wohlergehen der Menschen im Ahrtal im Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe ziehen und zeigen, wie Klimaresilienz und soziale Gerechtigkeit zusammenhängen. Um Klimaschutz und Klimaanpassung voranzubringen, sollten die Kosten sozial verträglich verteilt sein. Auf diese Weise kann man den Rückhalt in der Bevölkerung für dringend notwendige Maßnahmen zur Klimaresilienz stärken und den demokratischen Zusammenhalt nachhaltig fördern. 

Wir haben drei zentrale Forschungsfragen:

  1. Welche Auswirkungen hatte die Flut auf die Menschen im Ahrtal?
  2. Welche Zielkonflikte zwischen Klimaresilienz und sozialer Gerechtigkeit gibt es im Wiederaufbau?
  3. Wie kann man gesetzliche Regelungen und behördliche Prozesse besser gestalten, um sowohl Klima- und Hochwasserschutz zu fördern als auch etwaige Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Wiederaufbau zu reduzieren?

SOZIAHR wird zum Großteil durch die gemeinnützige Stiftung Mercator finanziert, die sich für eine offene, solidarische Gesellschaft der Chancengleichheit einsetzt. SOZIAHR ist eingebettet in die Förderlinie „Klimaresiliente Gesellschaft“, die neben den Bereichen „Digitalisierte Gesellschaft“, „Europa in der Welt“ und „Teilhabe und Zusammenhalt“ eine der drei großen Schwerpunktthemen der Stiftung ausmacht. Das Rektorat der Universität Bonn sowie die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät und die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Bonn bezuschussen das Projekt zudem aus eigenen Mitteln. 

Wir werden Handlungsempfehlungen entwickeln, wie die gesetzlichen Regelungen und administrativen Prozesse im Kontext von Extremwetterereignissen allgemein sozial gerechter und klimaresilienter gestaltet werden können. Außerdem möchten wir mögliche Anreize für die freiwillige Umsetzung von Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen herausarbeiten. Diese Empfehlungen sollen sich sowohl auf den speziellen Fall im Ahrtal beziehen, als auch in anderen Regionen in Deutschland anwendbar sein. Zentral ist dabei, dass wir nicht auf individuelle Anschuldigungen hinarbeiten, sondern auf systemische Lösungen und strukturelle Verbesserungen.

Die mediale Aufmerksamkeit für ein Katastrophengebiet schwindet sehr viel schneller, als der tatsächliche Wiederaufbau und die Erholung der Menschen vor Ort von statten gehen. Viele mittel- bis langfristigen Folgen der Flut und des Wiederaufbauprozesses werden erst jetzt richtig sichtbar und die individuelle und kollektive Krisenbewältigung wird schätzungsweise noch 5-10 Jahre andauern. Daher ist 2026 ein guter Moment, um eine umfassende (Zwischen-)Bilanz zu ziehen, deren Ergebnisse wiederum eine gute Entscheidungsgrundlage für die weitere Entwicklung der Region bieten können. Dies gilt insbesondere für die Evaluation der staatlichen Wiederaufbauhilfen, für die zum 30. Juni 2026 die Antragsfrist bei der ISB Bank endet. 

Wir wollen 5 Jahre nach der Flut Bilanz ziehen und verlässliche Daten darüber vorlegen, wie es den Menschen im Ahrtal heute geht (in Bezug auf den Wiederaufbau, ihre Lebenslage und ihre Einstellungen). Damit werden wir unmittelbar die Debatte vor Ort anregen, soziale Problemlagen sichtbar machen und den parallel laufenden Workshop-Prozess zur praxisnahen Lösungsfindung mit wichtiger Evidenz ausstatten. 

Wir werden konkrete und wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die Akteure im Ahrtal sowie potenziell betroffener Regionen in ganz Deutschland vorlegen, wie Klimaresilienz sozial gerecht umgesetzt werden kann. Damit stärkt das Projekt den weiteren Wiederaufbau im Ahrtal, der nach Schätzungen noch 10 bis 15 Jahre dauern wird.

Methoden, Daten und die Umfrage

Zentral ist für uns eine große Bevölkerungsumfrage mit ca. 70.000 erwachsenen Personen, die direkt oder indirekt von der Flutkatastrophe betroffen waren. Wir werden zudem Interviews mit Behördenvertreterinnen und -vertretern führen und relevante Dokumente auswerten. Um die Nähe zur Praxis zu gewährleisten, führen wir zudem begleitende Workshops mit Fachleuten aus der Region durch.

Mithilfe der Workshops stellen wir eine enge Anbindung an die Praxis sicher. Wir sammeln und diskutieren dort die sozialen Herausforderungen, die von Praxisakteuren aus dem Ahrtal gesehen werden. So können wir unsere Messinstrumente schärfen und frühzeitig mit relevanten Entscheidungsträgern in den Austausch kommen. Im Laufe des Projekts werden wir die Workshops zudem nutzen, um unsere eigenen (Zwischen-)Ergebnisse zeitnah an die Praxis zurückzumelden und Feedback einzuholen.

Der Fragebogen enthält umfassende Abschnitte zur individuellen Betroffenheit und den Prozessen des Wiederaufbaus. Zusätzlich erfragen wir politische Einstellungen rund um die Flutkatastrophe, untersuchen die soziale Eingebundenheit und erkundigen uns nach den demographischen Merkmalen der Personen. So können wir einen guten Überblick über den Stand des Wiederaufbaus und die allgemeine Lebenslage der Einwohnerinnen und Einwohner gewinnen. 

Weitere Infos zur Umfrage finden Sie hier.

Ca. 70.000 erwachsene Personen bekommen von uns per Post eine Einladung, an der Studie teilzunehmen. Das entspricht allen Einwohnerinnen und Einwohnern der Kommunen Adenau, Altenahr, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig und Grafschaft, die am Stichtag der Flut (14.07.2021) dort gemeldet waren und von denen uns eine aktuelle Adresse vorliegt. Es sind ausdrücklich auch Personen ohne direkte Flutbetroffenheit herzlich eingeladen, dieser Einladung nachzukommen, da es für die Untersuchung der Flutfolgen wichtig ist, eine Vergleichsgruppe von Personen zu haben, die nicht (direkt) von der Flut betroffen waren.  

Weitere Infos zur Umfrage finden Sie hier.

Klimaresilienz

Klimaresilienz bedeutet, dass wir als Gesellschaft Krisenfestigkeit gegenüber Extremwetterereignissen aufbauen, deren Häufigkeit und Intensität durch den Klimawandel zunimmt. Für das Ahrtal bedeutet das vor allem die Stärkung des Hochwasserschutzes. Wichtig ist dabei, dass man Resilienz nicht rein technisch/baulich denkt, sondern auch gesetzliche Regelungen, politische Entscheidungen, zahlreiche soziale und kulturelle Aspekte sowie allgemeines Gefahrenbewusstsein einbezieht.

Klimaresilienz und soziale Gerechtigkeit stehen nicht grundsätzlich in Widerspruch zu einander, aber es kann zu Zielkonflikten kommen. Die Antrags- und Genehmigungsprozesse im Wiederaufbau werden oft als sehr langsam, bürokratisch und zermürbend beschrieben. Das liegt unter anderem an strengen Klima- und Hochwasserschutzauflagen. Diese treffen wiederum Menschen mit geringem Einkommen oder wenig Fachwissen besonders stark.  

Beispiel 1: Bei einem Neubau kann es vorkommen, dass sich die Baufläche des Grundstücks verkleinert, weil nach aktuellen Vorgaben 10 Meter Abstand zum nächsten Bachlauf eingehalten werden müssen. Oder es kann Auflagen geben, dass Kellerräume nicht als Schlafzimmer genutzt werden dürfen. Das trifft diejenigen Haushalte stärker, die ohnehin schon mit Wohnraumknappheit zu kämpfen haben. 

Beispiel 2: Bei einem Neubau kann es vorkommen, dass man das Gebäude erhöht auf einen kleinen Hügel bauen soll. Das erzeugt allerdings noch mehr Wasserverdrängung für die Häuser der Nachbarn. Da stellt sich die Frage, ob das die beste Lösung für die gesamte Nachbarschaft ist. 

Die Bedeutung von Klimaschutz und Klimaanpassung für eine gute Zukunft wächst täglich, da der Klimawandel weiter voranschreitet und Extremwetterereignisse in ihrer Häufigkeit zunehmen. Gleichzeitig wissen wir, dass starke soziale Ungleichheiten den demokratischen Zusammenhalt gefährden und dringend notwendige Veränderungen ausbremsen können. Wir möchten systemische Lösungen finden, um dem entgegenzuwirken und sowohl Klimaresilienz als auch soziale Gerechtigkeit zu stärken.

Beispiel 1: Oftmals ist den Betroffenen gar nicht bewusst, welche staatlichen Förderungen für Klimaschutz- und Hochwasserschutzmaßnahmen es gibt und dass sie unter Umständen auch an einem anderen Standort wiederaufbauen könnten. Das erzeugt Nachteile für Menschen mit wenig Erfahrung mit Bauprozessen sowie geringen finanziellen Ressourcen, wirkt sich aber auch negativ auf die Klimaresilienz im Ahrtal insgesamt aus.

Beispiel 2: Eine Stärkung von gemeinschaftlichen Wohnformen trägt zu beidem bei: es verhindert einerseits, dass vor allem ältere Menschen in Einzelhaushalten vereinsamen, andererseits hilft es dabei, die Wohnraumverteilung effizienter und ressourcenschonender zu gestalten. Gerade im Wiederaufbau nach einer solchen Katastrophe könnte man diese Art von Wohnformen besonders fördern.

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Susanne Bell M.A.

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